19.9. – 22.11.2026

Luna Mahoux

If you don't make it louder they won't hear us

 

Das Kunsthaus Glarus freut sich, mit If you don’t make it louder they won’t hear us (Du musst lauter sein, sonst hören sie uns nicht) die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung von Luna Mahoux in der Schweiz zu präsentieren.

In ihrer künstlerischen Praxis untersucht Luna Mahoux Formen und Räume von Gemeinschaft und Kollektivität in der Schwarzen Populär- und Alltagskultur und stellt diese durch Fotografien, Videos und Texte zur Diskussion. Ihre Arbeit ist geprägt von einem tiefen Interesse an der Geschichte Schwarzer Musik, insbesondere an der US-amerikanischen Underground-Rapszene und der sie umgebenden visuellen Kultur. Aus einer persönlichen und intimen Perspektive durchforstet sie das umfangreiche Bildarchiv des Internets und rückt Bilder in den Vordergrund, die Reime, Gesten und Geschichten Schwarzer Künstler:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen festhalten. Die so angestossene Zirkulation trägt dazu bei, eine global verbundene Gemeinschaft zu schaffen, die ihre eigene Geschichte erzählt. 

Luna Mahoux’ Bilder sind weder einfach gefunden noch nur gemacht. Sie werden ausgewählt, extrahiert, zugeschnitten, vergrössert, überlagert und neu inszeniert. Ein Screenshot wird so selbst zu einer Form des Sehens: zu einer Möglichkeit, den kontinuierlichen Strom visueller Informationen zu unterbrechen und einen bestimmten Moment herauszulösen. Indem sie die so gefundenen Bilder neu rahmt, versteht sie diese als Form des Erinnerns, und zugleich als Orte der Wirkmächtigkeit– als Möglichkeit, Raum einzufordern und gehört zu werden. Sie interessiert sich in ihrer künstlerischen Arbeit ebenso für das Potenzial des niedrigaufgelösten Bildes und für Fragen des künstlerischen Werts wie auch für die Auseinandersetzung mit Kompo- sition und Farbe (sie studierte u.a. Malerei). Diese Anliegen zeigen sich auch in der vielschichtigen Installation für ihre Ausstellung im Kunsthaus Glarus. Ein Standbild aus der wegweisenden Fernsehserie The Wire (2002–08) wird monumental vergrössert und nimmt die Wand am Ende des Ausstellungsraums ein. In blauen Farbtönen, auf den ersten Blick abstrakt und anziehend, zeigt das Bild einen amerikanischen Polizisten, der einen 14-jährigen Jungen festnimmt. Das Filmstill geht dabei über seine ursprüngliche narrative Funktion hinaus und wirft Fragen darüber auf, wie Darstellungen von Gewalt in das kollektive Gedächtnis eingehen und wie sich ihre Bedeutung zwischen Populärkultur, persönlicher Erfahrung und dem Ausstellungsraum verschiebt. Die vor der grossformatigen Fotografie präsentierte Publikation (No Time To Die, 2026) liegt über mehrere Papierstapel verteilt im Raum. Sie funktioniert weniger als klassischer Katalog denn als fragmentarische visuelle und textliche Konstellation. Die Künstlerin erstellt darin ein intimes Tagebuch aus persönlichen Gedanken und Erinnerungen. Schriftliche Notizen verbinden sich mit einer Zusammenstellung von Alltags- und Populärbildern aus ihrem Archiv – Momente der Freude, Schönheit, Intimität und Trauer. Indem Luna Mahoux auf eine einzige, lineare Erzählung verzichtet, lässt sie Lücken, Schleifen und Brüchen Raum und ermöglicht es den Fragmenten, für sich selbst zu sprechen. Bedeutung entsteht durch Nähe: zwischen einem Bild und einem Satz, zwischen einem Fragment und dem nächsten, zwischen dem, woran man sich erinnert, dem, was man weiss, und dem, was überliefert wurde.

Auch die Praxis des Sammelns ist für die Künstlerin stets eine Form der Zusammenarbeit: Sie sucht die Menschen hinter den Geschichten, denen sie folgt, und tritt mit ihnen in Austausch, um eine angemessene Form der Zeugenschaft zu finden. 2021 verbrachte Luna Mahoux mehrere Monate in Chicago und beschäftigte sich dort mit der Drill-Rap-Szene; 2024 reiste sie nach Memphis. Dort entstand ihr erster Dokumentarfilm, der Kurzfilm The Other Queen of Memphis (2024), eine Hommage an die Schwarze Rapperin La Chat. Ebenfalls dort nahm die Künstlerin eines ihrer seltenen selbst fotografierten Bilder auf: die Aufnahme eines T-Shirts mit den Worten „No Time To Die“, das hoch über unseren Köpfen im Ausstellungsraum schwebt. Das Foto dient ausserdem als Cover der hier präsentierten Publikation, die noch in diesem Jahr in gedruckter Form erscheinen wird. Die Methode der Künstlerin, Bedeutungen und Bilder ineinanderzufalten und daraus neue Erzählungen entstehen zu lassen, führt zu räumlichen Anordnungen, die sich online weiterverbreiten können und zugleich die physische Begegnung mit dem Werk sowie die Erfahrung des aufmerksamen, gemeinsamen Betrachtens im Raum betonen. Zur Eröffnung lud Luna Mahoux den experimentellen Musiker TM aus New York City ein, in ihrer Installation aufzutreten – eine weitere Zusammenarbeit, deren Nachhall über den Ausstellungsraum hinausreichen wird.

Luna Mahoux macht Erfahrungen sichtbar, die nur selten Eingang in offizielle Narrative und Geschichtsschreibungen finden und im gegenwärtigen politischen Klima, das darauf abzielt Schwarze Geschichte neu zu schreiben, noch leichter drohen ausgeklammert zu werden. Dies geschieht auch durch die Kontrolle der Kommunikationstechnologien, die das, was wir einst als Potenzial des Internets zur Schaffung von Gemeinschaft verstanden haben, neu konfigurieren. Umso wichtiger ist es daher, darauf zu bestehen, dass diese Bilder und Geschichten weiterhin radikal präsent bleiben.

Luna Mahoux (*1997, lebt und arbeitet in Brüssel) absolvierte ein Studium der Malerei an der La Cambre. 2023 schloss sie sich Le Fresnoy – National Studio of Contemporary Arts in Tourcoing an, wo sie ihre künstlerische Praxis im Bereich der bewegten Bilder weiterentwickelt. Ihr erster Dokumentarfilm The Other Queen of Memphis (2024), wurde für den Wettbewerb von Cinéma du Réel im Centre Pompidou in Paris ausgewählt. Ihre Arbeiten und Filme wurden international in zahlreichen Ausstellungen und Präsentationen gezeigt, unter anderem bei Cordova, Barcelona; good or trash, Paris; Kunstverein Hamburg; Salon de Montrouge, Paris; Mécène du Sud, Montpellier; KANAL – Centre Pompidou, Brüssel; Basel Social Club, Basel; Cherish, Genf; Coalmine, Winterthur; Photo Elysée, Lausanne; Triangle Astéride, Marseille; The Metrograph mit Montez Press Radio, New York City; Bourse de Commerce – Pinault Collection, Paris; Arsenic, Lausanne. 2023 erhielt sie den vom FOMU in Antwerpen verliehenen tiff – Emerging Belgian Photography Prize, gefolgt vom Fintro Prize in Brüssel im Jahr 2024. Sie wird 2027/28 Stipendiatin bei La Becque in La Tour-de-Peilz.

 

01 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
02 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
09 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
04 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
06 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
05 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
08 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
07 Luna Mahoux KHGL
Luna Mahoux, If you don't make it louder they won't hear us, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. No Time To Die, 2026 (Detail), Poster, Papier. Foto: Gina Folly
EINLADUNG A5 FINAL Plakat Final v2 Plakat F4 ohne vernissage