1.3. – 24.5.2026

Akosua Viktoria Adu-Sanyah

RESIDUAL SKY

Für die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung der Werkgruppe RESIDUAL SKY zeigt die Künstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990, lebt und arbeitet in Zürich) einen Zyklus von 13 fotografischen Objekten. Es sind grossformatige, handentwickelte, analoge Farbfotografien auf Glanzpapier, die mit Magneten an weiss gewaschenen Holzwänden im Oberlichtsaal hängen oder stehen. Die Fotografien basieren auf historischen Negativen aus der British Empire and Commonwealth Collection in Bristol, die u.a. Aufnahmen aus der ehemaligen britischen Kolonie, der sogenannten „Goldküste“ (heute Ghana), zeigen. Ghana ist zugleich der Geburtsort von Adu-Sanyahs Vater.

Anlässlich einer Einladung zum Bristol Photo Festival im Jahr 2024 wurde Adu-Sanyah zum ersten Mal auf das umfassende Bildarchiv der britischen Kronkolonien und Territorien in Westafrika (1878-1957) aufmerksam. Während ihrer Recherche begann sie sich besonders für die Zwischenräume auf den Bildern zu interessieren. Jene Orte, auf denen keine Menschen zu sehen sind, die die gewaltvollen Hierarchien des britischen kolonialen Kontexts reproduzierten. Adu-Sanyah wählte Ausschnitte aus dem oberen Bilddrittel – von Himmel und Baumkronen –, die sie ausschnitt, drehte und sich durch den Prozess der manuellen Vergrösserung und Entwicklung körperlich aneignete.

Im Sinne von «residual» als einer «internen Nachwirkung einer Erfahrung oder Aktivität, die das spätere Verhalten beeinflusst» (Merriam-Webster) verfolgte die Künstlerin jene sichtbaren und unsichtbaren Spuren und «Reste» – chemische, historische, emotionale –, welche die gewaltvolle Erfahrung der Begegnung mit diesen Fotografien über die Zeit hinweg hinterlassen hat. Entstanden sind Bilder des Übergangs und der Transformation. Die Ausschnitte der Himmel und Baumkronen sind nicht mehr Teil der Landschaft (horizontal), sondern werden zu Körpern, Spiegeln, Fenstern (vertikal). Die intensive Farbigkeit der Fotografien evoziert Körperlichkeit, Blut etwa, oder Rottöne, die entstehen, wenn man bei geschlossenen Augen in die Sonne blickt. Oder gar die Farben des Tagesablaufs selbst.

Die Bäume und Wolken auf dem transparenten Negativfilm wirken wie Erscheinungen, die in Auseinandersetzung treten mit der Gegenwart. Adu-Sanyahs Werke beharren auf keiner abschliessenden Form, sondern befinden sich im konstanten Transformationsprozess, im fortwährenden Aufeinandertreffen von abwesenden und anwesenden Körpern (auch der Besucher:innen) und verschiedener Zeitlichkeiten. Die Künstlerin arbeitet wiederholt mit denselben Negativen, die in unterschiedlichen Konstellationen neue Bildformen annehmen. Auch in der Ausstellung erscheint ein Motiv erneut: der verletzte Fuss ihres verstorbenen Vaters – zugleich Wunde, Farbfläche und Körperfragment.

Entgegen der standardisierten, industriell normierten Herstellungsweise der Farbfotografie arbeitet Adu-Sanyah mit einem prozessbasierten Handentwicklungsverfahren, das sie in ihrer selbst entwickelten Dunkelkammer etabliert hat. Ihr Ansatz folgt einer operativen Ethik: Statt präzise berechenbarer Parameter und reproduzierbarer Abläufe entstehen die Abzüge unter Bedingungen, die Material, Chemie und Umgebung als aktive Mitgestaltende einbeziehen. Das Papier wird im Dunkeln von Hand ausgerollt und geschnitten; minimale Abweichungen bleiben bewusst Teil des Bildes. Farben und Formen entstehen durch Filter, improvisierte Werkzeuge und durch das Eindringen von Tageslicht durch Ritzen und Öffnungen im Raum – nicht als Zufall, sondern als Bestandteil eines kontrolliert geöffneten Systems. Adu-Sanyah verschiebt die Farbfotografie aus dem Bereich industrieller Reproduzierbarkeit in einen Raum materieller und zeitlicher Singularität.

Auch die Entwicklungszeit ist abhängig von der Kraft und Energie der Künstlerin im Umgang mit dem Papier und dem Zustand des chemischen Entwicklungsbads, was sich wiederum auf die Schärfe und den Kontrast auswirkt. Dabei interessiert die Künstlerin der Zustand der „Erschöpfung“: das konstante Vorantreiben einer Erinnerung, einer Emotion oder einer Emulsion, bis an ihre Grenzen und darüber hinaus. Erschöpfung ist hier auch Katharsis. Es scheint, als entstünde die Intensität des Prozesses, und ja, auch besonders die Schönheit der entstehenden Bilder aufgrund der beharrlichen Suche nach möglichen Bedingungen des Weiterlebens. Denn fortwährend befragt Adu-Sanyah vermeintliche historische und gesellschaftliche Gewissheiten und Fixierungen und sucht nach einem offenen (Bild-)Raum, in dem neue Beziehungen möglich werden.

Kuratiert von Annette Amberg.

Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990, lebt und arbeitet in Zürich) studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen gehören Deichtorhallen, Hamburg; Stadtgalerie Saarbrücken; no flowers, Centre Culturel Suisse de Paris (alle 2026); Hypoxia, Jan Kaps, Köln (2025); Corner Dry Lungs, Zollamt MMK, Frankfurt am Main; The House Is A Body, Georgian House Museum und Bristol Photo Festival, Bristol (alle 2024); Behold The Ocean, Centre Photographie Genève, Genf und May I Dream?, Photoforum Pasquart, Biel (beide 2022). Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt u.a. bei Alexander Tutsek Foundation (2025); Foam Museum, Amsterdam; Centre de la Photographie Genève; Helmhaus, Zürich (beide 2024); Gia Lam Train Factory, Hanoi; Lothringer 13 Halle, München; Kunsthalle Trier, Trier (alle 2023). Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet, unter anderem mit dem Borlem Preis, dem Swiss Art Award (2024); mit einem Werkbeitrag des Kantons Zürich und einem Kunststipendium der Stadt Zürich (2023); dem Louis Roederer Photography Prize for Sustainability (2022); dem Prix d’Art Robert Schuman (2021) und dem Prix Photoforum (2020).

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von: Kanton Zürich

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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Akosua Viktoria Adu-Sanyah, RESIDUAL SKY, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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