19.9. – 22.11.2026

Phoebe Collings-James

Let this be the anchor

Mit Let this be the anchor von Phoebe Collings-James (*1987, lebt und arbeitet in London) präsentiert das Kunsthaus Glarus – in Kooperation mit dem KH Künstler:innenhaus Bremen – die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz.

Phoebe Collings-James sucht in ihrer künstlerischen Arbeit nach Formen der Verletzlichkeit und Brüchigkeit, nach jenen Überresten und Fragmenten von Geschichten, die nicht linear erzählt werden können. Diese findet sie häufig in der Arbeit mit Ton, einem formbaren, aber nicht vollständig kontrollierbaren Material. Die daraus resultierenden Werke fungieren, wie sie schreibt, als „emotionale Trümmer“, und sie sprechen davon, was in Momenten des Zerfalls gesellschaftlicher Ordnungen aufscheint.

Die Einzelausstellung Let this be the anchor (Lass dies der Bezugspunkt sein) ist hierfür eine Art Bestandsaufnahme und Orientierung. Für ihre jüngste Werkgruppe, bestehend aus sieben Keramikskulpturen mit Holz- und Messingelementen, untersucht Phoebe Collings-James den materiellen und sozialen Raum zwischen Stabilität, Zusammenbruch und Wiederaufbau. Die Skulpturen entstehen ausgehend von ihren Beobachtungen architektonischer Strukturen und den Spuren sozialen Lebens im öffentlichen Raum, sowie den Formen, in denen diese organisiert und eingeschränkt werden. Auf ihren Oberflächen schreiben sich Geschichten von Gewalt und Ungleichheit, aber auch von Intimität, Sinnlichkeit und Aufrufen zum Widerstand ein – durch eingeritzte Worte, Zeichen und Symbole ebenso wie durch die Art der Bearbeitung des Tons. Zwischen abstrakter Form und architektonischem Modell angesiedelt, birgt jede Skulptur ein Potenzial für Bewegung und Transformation – nicht nur auf symbolischer Ebene, sondern auch in der materiellen Realität des Werks selbst. 

Ton reagiert auf Druck und im Trocknungs- und Brennprozess kann er sich verziehen, reissen oder brechen. Diese Bedingungen sind keine Einschränkung für Phoebe Collings-James, sondern integraler Bestandteil der Formfindung. Im Gegensatz zu früheren Werken arbeitete sie für Let this be the anchor nicht mit Wülsten für die Aufbautechnik, sondern nutzte ausgewalzte Tonstreifen. Die so entstandenen Körper aus geometrischen Grundformen sind rudimentäre Architekturen, die sich an dem Leitmotiv Turm orientieren und an Hochhäuser, Wachtürme oder auch an Schutzräume und Behausungen erinnern. Sowohl im Schaffensprozess als auch beim Begehen der Ausstellung erscheint der Turm nicht nur als architektonisches Objekt mit Modellcharakter, sondern auch als Denkfigur, die für Aufrichtung und Orientierung, aber auch für Fragilität und potenzielle Erschütterung steht. Der Turm ist eine der ältesten und vieldeutigsten
Figuren des kollektiven Bildgedächtnisses, Machtsymbol, Utopie und Bedrohung zugleich. Gleichzeitig trägt der Turm auch immer das Moment des Kollapses in sich.

Parallel dazu verläuft eine leisere Erzählung, die sich als eine Reihe von intimeren Gesten herausschält und den vermeintlichen Turm auch als Träger ausweist: als Träger von Botschaften des Widerstands (“Freeeee”), der Dringlichkeit ( “Land back”), aber auch als Sockel für aus Ton geformte Wurzeln und Figürchen, die rituellen Charakter haben
könnten. Phoebe Collings-James verweist hier auch poetisch und subtil auf die kulturelle und politische Bedeutung von Schwarzen, queeren und feministischen Traditionen des radikalen Denkens und unterstreicht so die Wichtigkeit, an bestehende Wissens- und Denktraditionen anzuknüpfen. Somit wird in einer scheinbaren Instabilität eine Ordnung sichtbar, die als Geflecht vieler miteinander verwobener Geschichten und Perspektiven gelesen werden kann. Diese verschränken sich auf komplexe Weise und formen so ein starkes und zugleich bewegliches Bild individueller wie kollektiver Identitäten. Es ist eine Vorstellung von Gemeinschaft im Sinne von Patricia Noxolos Konzept des Fraktalen (“Caribbean In/Securities: An Introduction”): Anders als der Begriff “fractured”, der Bruch und Zerstörung nahelegt, verweist das Fraktale auf wiedererkennbare Muster, die sich auf verschiedenen Ebenen wiederholen. Let this be the anchor verhandelt Fragen von Schutz und Widerstand, indem sie architektonische, materielle und emotionale Bruchlinien miteinander in Beziehung setzt.

Dieser Text ist eine gekürzte und adaptierte Fassung des Saaltextes für das KH Künstler:innenhaus Bremen, wo Phoebe Collings-James’ Werke von Juni bis August 2026 zu sehen waren.


Phoebe Collings-James (*1987 in London, GB, lebt und arbeitet in London) hat ihr Studium der Bildenden Kunst am Goldsmiths College in London absolviert. Ausstellungen: Spike Island, Bristol (upcoming), Künstler:innenhaus Bremen (2026), Pitzhanger Manor & Gallery, London (2026), Albuquerque Foundation, Sintra (2026), KINDL Berlin (2025), Mendes Wood, Brüssel (2025), Sculpture Center, New York (2024), arcadia missa, London (2024), Camden Arts Centre, London (2021), Picture Room, New York (2021), Palais de Tokyo, Paris (2020), Ginerva Gambino, Köln (2020). Ihr Keramikstudio Mudbelly begann als persönliches Forschungsprojekt, hat sich jedoch zu einem Shop und einer Lehrplattform entwickelt, die kostenlose Keramikkurse für Schwarze Menschen in London anbietet und von Schwarzen Keramiker:innen unterrichtet wird.

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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, In square circle, 2026 Glasierte Keramik, Merani Holz und Messing Platte. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, ascensional myth [lower your head], 2026 Glasierte Keramik, Meranti Holz und Messing Platte. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, 2026 Glasierte Keramik, Sapeli Holz. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, black tower, 2026 Glasierte Keramik, Sapeli Holz. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Let this be the anchor, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, The closer I get to you, 2026 Glasierte Keramik, Sapeli Holz. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, Freeeee, 2026 Glasierte Keramik, Meranti Holz und Messing Platte. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
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Phoebe Collings-James, ascensional myth [collapse], 2026 Glasierte Keramik, Sapeli Holz und Messing Platte. Courtesy die Künstlerin, Arcadia Missa, London, und Francesca Minini, Mailand. Foto: Gina Folly
EINLADUNG A5 FINAL Plakat Final v2 Plakat F4 ohne vernissage