1.3. – 24.5.2026

sitara

embarrassment of riches

embarrassment of riches ist eine Ausstellung mit fünfzig Collagen, die Bilder von Rosen, Schleifen, Lastwagen, Zigarettenschachteln, Tabletten, Blüten und anderen unscheinbaren Blumen zeigen. Sie sind auf Papierbögen geklebt, die mit silberner Farbe und schwarzer Tinte bedeckt sind und von Pinselstrichen in Grün-, Ocker- und Blautönen durchzogen werden, die an Himmel und Erde erinnern. Alle Arbeiten haben dasselbe Format.

embarrassment of riches lässt sich wörtlich nehmen: als idiomatische Redewendung für die Schwierigkeit, angesichts von Überfluss eine Wahl zu treffen. Dann könnte die Ausstellung als sarkastische Geste verstanden werden, in der die fünfzig Collagen eine Szene des Überflusses – des Reichtums – inszenieren. Wer sich von einer solchen Fülle überwältigt fühlen soll, bleibt offen. Das erinnert mich daran, wie viel in der Literatur rund um sitaras Praxis eine indirekte, ausweichende Haltung einnimmt. Die Texte, meist von engen Weggefährt*innen verfasst, reichten von der Zurückweisung von Männern, die die Künstlerin erotisieren[1], bis hin zu Reflexionen über Bücherregale[2], Freundschaft[3], mythische Gottheiten[4] und die Promiskuität der Grossstadt[5]. Durch diese Stimmen zieht sich ein schwer fassbarer roter Faden, der Fragen des Geschmacks berührt. Geschmack ist im globalen Zeitalter ein heikler Begriff, da er sich traditionellen Klassenkategorien entzieht. In sitaras Fall wird diese Lesart zusätzlich durch eine xenophobe Voreingenommenheit gegenüber migrantischer Ästhetik verkompliziert. Bedeutet das, dass diese Ausstellung den jüngsten, raffinierten Seitenhieb gegen das weisse Establishment verbirgt? Eine verschleierte Erwiderung auf institutionelle Fallstricke, liberale Identitätspolitik, emotionale Erschöpfung, transnationale Bürokratie, diasporische Unzufriedenheit, Mädchen- und Frausein?

Paul Thek pflegte jedem, der Bedeutung in seine Arbeiten hineinzulesen versuchte, zu sagen, er sei gegen Interpretation. Könnten wir das also auch auf sitara anwenden – und eine Frau einfach leben lassen?

Ich bin schwul und asiatisch – ein „Gaysian“. Und bevor Sie die Augen verdrehen über den nächsten Schwulen, der seine Andersartigkeit vor sich herträgt, hören Sie mich bitte an. Als schwule Person kann ich mich mit dem Ausnahmezustand identifizieren, in dem sitara arbeitet, weil wir beide unter dem Druck leben, uns zu integrieren, wenn nicht gar zu assimilieren. Das löst eine ständige Vermittlung zwischen unserem privaten Selbst und unserer öffentlichen Persona aus. Es ist qualvoll. Kein Ort fühlt sich wirklich angenehm an. Kein Ort fühlt sich eindeutig an. Heimat bleibt stets auf Armeslänge entfernt, bedingt und fragil. Wir lernen, mit weniger Luft auszukommen. Wir suchen Schutz in den Zwischenräumen, jenen negativen Räumen, die normative Kräfte beiläufig hervorbringen. Dort trainieren wir, institutionelle Sprache zu instrumentalisieren, Ikonen zu zerlegen und Wahnsinn mit Vitalität zu synthetisieren.

An dieser Schwelle entfaltet sitara ihren taktilen Formalismus. Seit fast einem Jahrzehnt fügt sie Intimes mit Ausrangiertem zusammen: grelle Stoffe und Schmuckketten stossen auf Plastikrosen und Aluminiumoberflächen. Sie signalisieren eine Implosion von Bedeutung, die leicht mit Nihilismus verwechselt werden könnte. Stattdessen zeugen ihre eklektischen Werkgruppen von der befreienden Qualität des Komponierens. Für Aussenstehende sind Kompositionen abgeschlossene Dokumente expressiver Disziplin; für die Schaffenden markieren sie Momente eines sinnlichen Denkprozesses. Sie sind Momentaufnahmen von Reibung. Ihre Legitimität liegt gerade in ihrer Fehlbarkeit, Eigenwilligkeit und Sperrigkeit.

Die fünfzig Collagen in sitaras Ausstellung lassen sich als fünfzig Krisen des Bildfeldes lesen. Gras, Land, Wolken und Industrie erscheinen vage und gelassen. Ihre Kühle bündelt die Strenge des Papiers und die Eingriffe der Künstlerin darauf. Ihre Materialität ist entscheidend – bleiben Sie also dabei.

Während sitara die Bildwelt zerreisst und neu zusammensetzt, denke ich an die Collage und ihre politische ästhetische Aufladung. Ich erinnere mich an die Hypothese von Étienne Balibar über eine Politik der Gewalt, die zugleich eine Politik der Zivilität ist. „Der einzige ‚Weg‘ aus dem Kreis besteht darin, eine Politik der Gewalt zu erfinden“[6], schlägt er vor. „Insbesondere bedeutet das, die Frage der Gewalt und eine Strategie der Gegengewalt in die emanzipatorische Politik selbst einzuführen.“ Wie Balibar halte ich es nicht länger für möglich, das Phänomen der Gewalt als etwas Vorinstitutionelles abzutun – sei es kulturell, juristisch oder finanziell. „Extreme Gewalt ist nicht posthistorisch, sondern tatsächlich ‚postinstitutionell‘. Extreme Gewalt geht ebenso sehr von Institutionen aus, wie sie sich gegen sie richtet.“[7]

So zeigt embarrassment of riches fünfzig Schattierungen einer geduldigen Aushandlung zwischen künstlerischer Autonomie, öffentlicher Wahrnehmung, visueller Neuheit und poetischer Abwesenheit. Es gibt fünfzig Schattierungen von Gewitztheit, Freude, Witz und Eleganz – ebenso wie fünfzig Schattierungen von Angst, Zögern, Chaos und buchstäblichem Abfall. Es gibt auch fünfzig Schattierungen objektiver Kunstwerke sowie Paradoxien, die zeigen, wie Bilder zugleich übervoll und entleert, mutig und doch besiegt, opak und zugleich transparent, einzigartig und doch banal, reich und doch so …

Bruno Zhu, 2026

 


[1] Shamiran Istifan and Lhaga Koondhor, Ausstellungstext für LOVE/ terms and conditions, Galerie Maria Bernheim, Zürich, 2021.

[2] Sophia Rohwetter, Ausstellungstext für bookshelf 3, School, Wien, 2020.

[3] Furqat Palvan-Zade, Ausstellungstext für Hymn and Silence, LC Queisser, Tiflis, 2021.

[4] Shola von Reinhold, Ausstellungstext für Ich kenne Sitara nicht so gut. Sie macht mir wahnsinnige Angst., Shahin Zarinbal, Berlin, 2025.

[5] Ian Wooldridge, “WHEN EMOTION BECOMES FORM. A CODE FOR SITARA.” in Simon Castets und Salome Hohl, Emmy Hennings / Sitara Abuzar Ghaznawi (Lenz Press, 2022). 

[6] Étienne Balibar, Politics and the Other Scene, trans. Christine Jones, James Swenson, and Chris Turner (Verso Books, 2002, englische Übersetzung), xi.

[7] Étienne Balibar, Politics and the Other Scene (siehe Fussnote 6). 

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Die Ausstellung wurde von Melanie Ohnemus initiiert. 

sitara lebt und arbeitet in Basel und Sarnen. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen gehören Ich kenne Sitara nicht so gut. Sie macht mir wahnsinnig Angst., Shahin Zarinbal, Berlin (2025); Sitara Abuzar Ghaznawi & Sem Lala, Forde, Genf; Public sculpture, Amore, Basel (2024); Sin City, Auto Italia, London (2023); Don't Build Picturesquely, (mit Marina Xenofontos), Hot Wheels, Athen (2022); Hymn and Silence, LC Queisser, Tiflis; LOVE/ Terms and Conditions, Galerie Maria Bernheim, Zürich (2021); Emmy Hennings / Sitara Abuzar Ghaznawi, Swiss Institute New York, New York (2020). Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt, unter anderem in der Galleria Solito, Italien; bei CIBRIÁN, Spanien (2025); bei Shahin Zarinbal, Leipzig; bei LC Queisser, Tiflis (2023); bei Antenna Space, Shanghai (2022); bei Cordova Gallery, Barcelona; bei yaby, Madrid; bei Maria Bernheim, London (2021); in der Kunsthalle Zürich, Zürich (2020); in der Fri Art Kunsthalle Fribourg, Freiburg; in der Galerie Maria Bernheim, Zürich; an der Messe Basel, Basel; im Museum im Bellpark, Kriens und bei Édouard Montassut, Paris (2019).

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von: Kanton Obwalden, Stiftung Erna und Curt Burgauer, Kunstkredit Basel-Stadt, Landis & Gyr Stiftung, Hans und Renée Müller-Meylan Stiftung, Niarchos Foundation für junge Künstler

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sitara, embarrassment of riches, Kunsthaus Glarus; Stilla Maris Summary, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus', 2026. Foto: Gina Folly
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sitara, embarrassment of riches, Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026. Foto: Gina Folly
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